Claus Henneberg | Kisten

A:
Eine Kiste erschien und blieb über dem Hügel in der Luft stehen. Ein Mann in grauem Leinenkittel stieg den Hügel hinauf. Er trug eine Leiter quer auf den Schultern. Der Mann nahm die Leiter ab und lehnte sie an die schwebende Kiste.

B:
Die Kiste war eine Versteinerung, nur ihre Motoren summten. Sie stak in oberen Luftschichten. Filzplatten umgaben sie, sie war in Filz eingelassen. Mildes Instrumentenlicht erhellte das Innere der Kiste. Sie hielt sich unbeweglich im Raum und verlor nicht an Höhe.

A:
Der Mann im Leinenkittel zog eine lederne Fliegerkappe aus der Tasche und setzte sie sich auf. Der Deckel der Kiste öffnete sich. Der Mann stieg die Leiter hinauf und enterte die Kiste. Der Deckel der Kiste schloß sich und die Kiste entfernte sich in den Himmel. Schließlich war sie verschwunden. Die Leiter blieb auf dem Gipfel des Hügels stehen

*

A:
Leute kamen, knieten um die Leiter herum und starrten nach oben. Sie warteten auf die Wiederkehr der entschwundenen Kiste. Ab und zu kletterte einer die Leiter hinauf und hielt nach ihr Ausschau. Doch eine Kiste war nicht zu erblicken. Enttäuscht kehrten sie daraufhin zu den anderen zurück. Sie stritten sich, ob überhaupt eine Kiste dagewesen sei. Da warfen sie die Leiter um und zerschlugen sie. Als sie zertrümmert auf dem Boden lag, erschien eine Kiste am Himmel.

*

A
Die Leute bückten sich und sammelten Steine, die herumlagen. Damit warfen sie nach der fliegenden Kiste. Würde sie getroffen werden? würde sie abstürzen? Der Himmel war voller geschleuderter Steine, ein Regen von Steinen stieg von der Erde zum Himmel auf. Wutgeschrei und Verwünschungen begleiteten die Würfe. Eine Zeitlang schwebte die Kiste über der Wolke von Steinen. Dann senkte sie sich herab und landete sanft zwischen den Menschen auf der Kuppe des Hügels.

B:
Sie landete zwischen Bäumen. Dort war das Gras grün und weich. Wespen umschwirrten die Kiste. Die Kiste öffnete sich und Wärme entströmte ihr.

C:
Mit Salz war sie gekommen, mit Fleisch kehrte sie heim. Auf ihr stand eine Säule von Licht und entfernte sich mit dem Fleisch. Als der Deckel der Kiste geöffnet wurde, war sie vollkommen leer.

*

A:
Staunen ergriff die Menschen, die eben noch von großer Wut erfüllt waren. Neugierig näherten sie sich der Kiste und betasteten sie. Was mochte in ihr enthalten sein? Einige versuchten den Deckel zu öffnen, aber es gelang ihnen nicht. Andere klopften an ihr, ob sie hohl sei.

B:
Aus der Kiste quoll ein Kabelstrang. Jemand hatte sich in ihr häuslich eingerichtet. Durch ein Telefon stand er mit der Außenwelt in Verbindung. Zwischen seinen Beinen lag ein Kornhügel, auf den ein Hahn saß. Der pickte von den Körnern und es gab keinen Schutz vor seinen Schnabelhieben.

C:
Die Körner waren in der Nacht erstorben und keimten erst wieder1 wenn es Tag wurde. Dann wurden sie größer und der Kornberg höher. Schließlich wurden sie gelb und reif. In diesem Moment stieß der Hahn einen Schrei aus.

*

A:
Nun sollte die Kiste den Hügel hinabgestoßen werden. Gemeinsam stemmten sie sich gegen sie. Jemand übernahm das Kommando und schrie Hauruck. Er trug einen glänzenden Feuerwehrhelm und eine Axt. Die Kiste ließ sich nicht wegschieben

B:
Doch. Die Kiste bekam einen Stoß und stürzte um. Feuerwehrleute richteten sie wieder auf. Ihre Helme glänzten silbern. Sie klingelten und stießen Hahnenschreie aus. Männer und Frauen umringten die verunglückte Kiste. Aus ihrem Inneren quollen Lederkoffer, Spazierstöcke, Handtaschen und sonstige Gebrauchsgegenstände. Eine Frau taumelte aus der Kiste und brach zusammen. Der Lärm, den ihr Kopf auf dem Pflaster machte. als er aufschlug, löste ein Beben aus. Die Erde grollte und erhielt einen Riß, aus dem Blut trat. Es war Neumond. Das Blut floß aus der Wunde und konnte nächtelang nicht gestillt werden.

A:
Da beschlossen sie, die Kiste zu zerschlagen und eine neue Kiste zu bauen.

*

A:
Die neue Kiste stand auf dem Hügel. Sie war sehr schön. Die Gesichter der Leute strahlten vor Freude. Sie faßten einander an den Händen und tanzten einen Reigen um die Kiste.

B:
Klänge kamen aus ihr. Sie drückten die Gerechtigkeit aus, die in ihr herrschte, Sanftmut. In der Kiste baute ein Bienenschwarm Waben. Gold floß aus ihren Pforten. In der Regelmäßigkeit war Süße versammelt. Mit Beute trächtig kehrten die Bienen in das Wachs der Stille zurück, aus der die Klänge kamen

*

A:
Ein Mann mit einer roten Maske kletterte auf die Kiste. Er trug einen zerknitterten Regenmantel. Dann gab es noch den Mann mit dem Feuerwehrhelm und der Axt und einen Mann mit einem Fallschirm auf dem Rücken und einem Seil.

B:
Der Mann mit dein Seil wickelte sich das eine Ende des Seils um die Mitte, das andere befestigte er an der Kiste. So angebunden lief er weit hinaus ins Feld. Schließlich gelangte er ans Ende des Seils. Es gab einen Ruck. Da kappte der Mann mit der Axt das Seil und der Mann in der Ebene stürzte zu Boden.

C:
Der Mann mit der roten Maske öffnete den Regenmantel und entblößte sich. Da trugen die Leute eine Frau herbei und legten sie vor ihn auf den Deckel der Kiste.

*

A:
Über den Hügel zog Rauch. Der Rauch kam von den Scheitern der zertrümmerten Kiste und der zerschlagenen Leiter. Die Leute hatten alles Holz zu einem Haufen getürmt und angezündet. Es roch nach verbranntem Fleisch. Die Rauchschwaden hüllten den Gipfel des Hügels ein. Die neue Kiste war nicht mehr zu sehen, sondern nur der Mann mit dem Feuerwehrhelm und der Axt, der im Qualm patroullierte. Finsternis senkte sich auf den Hügel. Der Scheiterhaufen vergloste zu Asche. Ein Wind erhob sich und blies die Asche davon

*

A:
Ein Kanonenschuß erscholl: Damit begann es zu tagen. Die Breite eines hochgehaltenen Haares war zu erkennen. Der Hügel war leer, der Mann mit der Axt verschwunden. Das Feuer des Scheiterhaufens war erloschen. Nur die neue Kiste stand im Zwielicht auf der Kuppe des Hügels. Erwartungsvolle Stille. Das Licht war erschienen. nach dem sich alle gesehnt hatten. Die Menschen richteten ihre Blicke gespannt auf die einsam dastehende Kiste. Die Helligkeit vermehrte sich, die Sonne ging auf, der Tag war gekommen. In diesem Augenblick öffnete sich der Deckel der Kiste.

B:
Aus der Höhe stürzte sich ein Falke in die geöffnete Kiste und zog daraus eine Schlange hervor. Die Schlange bäumte und ringelte sich, aber der Falke ließ sie nicht los. Er erhob sich mit ihr in die Luft. Schuppen und Federn regneten herab. Im Zenit verwuchsen sie zu einem geflügelten Knäuel. Da sank der geschuppte Falke aus der Höhe in die Kiste zurück und die Schlange flog mit seinen Flügeln davon.

C:
Oder der Mann griff in die Kiste, packte die Schlange am Kopf und die Schlange erstarrte zu einem Knotenstock, auf den er sich beim Gehen stützte. Da begegnete ihm der Mann mit der Maske. Gib sie mir, sagte der Mann mit der Maske, und der Mann mit der Feuerwehrheim gab sie ihm. Da wurde sie wieder zur Schlange. Wirf sie weg, sagte der Mann mit dem Helm und der Mann mit der Maske warf sie weg. Da kroch die Schlange in die Kiste zurück und verbarg sich schnell unter Äpfeln.

B:
In der Kiste war es feucht. Die Schlange fühlte sich wohl darin. Steinplatten lehnten an den Wänden, zwischen denen sie hindurchkroch. Auf die Steinpiatten waren Schriftzeichen gemeißelt. Der Mann mit dem Helm räumte die Tafeln zur Seite. Da lag sie vor seinen Augen und wimmerte. Er erschlug sie - und wurde auf einmal zu einer Frau.

*

A:
Aus der Kiste stieg eine Frau. Sie trug eine enge Kappe aus Filz mit einem Halbschleier vor dein Gesicht. Die Kappe war schwarz.

B:
Die beiden Männer saßen an der Kiste und spielten Karten. Der Einsatz war die Frau ohne Gesicht. Der Mann mit dem Helm mischte die Karten. Er rauchte eine tönerne Pfeife. Der Mann mit der roten Maske zog eine Karte aus dem Talon. Dann bediente der Mann mit dem Helm sich. Beide drehten das Blatt, das sie gezogen hatten. Das Bild darauf war das selbe. Es war die Frau ohne Gesicht. Sie trug eine enge Kappe aus Filz. Die Kappe war schwarz.

*

A:
Die Frau hatte ein Kind auf den Armen, einen schönen Knaben. Sie wiegte ihn hin und her und summte dabei ein kleines Lied aus zwei Tönen. Die Frau blickte hinaus in die Ebene, als oh sie jemanden erwartete. Sie streichelte das Gesäß des Knaben, indem sie ihre Hand in sein Hosenbein schob. Dann pflückte sie eine Messingmünze von ihren Lippen und gab sie ihm. Der Junge nahm die Münze in seine Faust, sprang der Frau aus den Armen und rannte davon.

*

A:
Der Junge rannte den Hügel hinab. Er lief in die Ebene, in der er einen Fluß sah. Man hörte sein Rauschen. Der Fluß nannte sich A und lag in Schweden. Das Ufer des Flusses war flach und voller Steine. Der Junge war barfuß und sprang von Stein zu Stein. Inmitten des Flusses schwamm eine Kiste. Sie war mit Fähnchen und Wimpeln geschmückt. Er rief Hallo, er rief Ahoi, er rief einen schönen Gruß. Die Kiste hieß Sommer, so war es mit Kreide an ihren Rand geschrieben. Sie schaukelte vorüber. Ein Mädchen saß darin und winkte ihm zu. Es war blond und etwas älter als er. Es hatte ganz kurzes Haar und trug eine weiße Tennismütze. Zwischen ihren Lippen steckte ein Papierröllchen.

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A:
Das Mädchen legte am Ufer an und stieg aus der Kiste. Die Beine des Mädchens waren lang, und an den Knien hatte es Schrunden.

B:
Die Kiste landete dort, wo das Schilf wuchs. Die ganze Landschaft bestand in dieser Gegend aus Licht. Daraus bestand auch der Berg in der Ferne, und Steine aus Licht lagen auf ihm. Auch die Schatten der Steine waren aus Licht.

*

A:
Der Junge und das Mädchen zogen die Kiste an Land und spielten darin Verstecken. Manchmal kroch das Mädchen hinein, manchmal sie beide und manchmal der Junge allein. Wenn es dem Jungen in der Kiste zu bang wurde, klopfte er mit einem Löffel ringsum an die Wände.

C:
In der Kiste standen Krüge mit Honig und Asche. Das war die Speise, die er zu sich nahm. Manchmal hörte er Geräusche, sie klangen wie Stöhnen. Manchmal wurde er gerüttelt und er wußte nicht, wovon. Er konnte noch nicht sprechen, sondern hatte nur seinen Löffel. Den steckte er in den Mund.

A:
schließlich öffnete das Mädchen die Kiste und ließ den Jungen heraus.

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A:
Als sie genügend gespielt hatten, hoben sie ein tiefes Loch aus, schlossen den Deckel der Kiste und versenkten sie in der Grube. Sie schaufelten Sand auf sie, bis nichts mehr von ihr zu sehen war. Nur sie wußten jetzt, wo sie zu finden war. Sie beschlossen, in Zukunft einmal dorthin zurückzukehren. Wann, wußten sie nicht. Einfach später. Daraufhin faßten sie sich bei der Hand, wendeten sich um und gingen davon. Sie wurden immer kleiner, bis sie in der Ferne verschwunden waren.