Reinhard Döhl | Raymond Queneau

Raymond Queneau, Journale intime | Raymond Queneau, Loin de rueil | Raymond Queneau, Taschenkosmogonie

Raymond Queneau, Journale intime
Raymond Queneau, Loin de rueil

Vor Rehen wird gewarnt: oder: um es gleich vorweg zu sagen: Raymond Queneaus Romane sind keine Romane oder Antiromane. Sie sind vielleicht Prosa, gewiß aber Sprache und Rede. Und die Sprache ist nicht über etwas Soundsooftschongesagtes. Und die Rede ist nicht von Weltanschauung und inneren Werten; sondern von Sprache. So gibt es auch in den beiden zuletzt in deutscher Übersetzung erschienenen Büchern Raymond Queneaus "Journale intime" (Stahlberg 1963; d. i. Teil 1 der "Qeuvres completes de Sally Mara") und "Loin de rueil" (Suhrkamp 1964) nichts Welterschütterndes, das in einem eigentlichen Sinne der Rede wert wäre: keine Weltanschauung, keinen Reportagerealismus, nichts Tiefgekühltes oder Hochgestapeltes. Stattdessen gibt es so etwas wie eine Sprachhandlung, Sprachprozesse, Sprache, die in Gang gesetzt, in Gange gehalten wird und abläuft durch ein ständiges Nebenher von Schrift- und Umgangssprache, von Stil und Argot. Es spielt keine Rolle, ob des Cigales Pfeite raucht. Aber daß dieses Männerspielzeug - in der Übersetzung Eugen Hemlés - nacheinander "Pfeife - Kalumet - Nargileh - Tschibuk Kloben - Stinkbolzen" heißt, daß spielt schon eine Rolle. Nicht Personen sind es, die ihre Sprache, ihren Stil sprechen; die sich durchSprache und Stil voneinander unterscheiden; die - durch ihren Sprachstil von einander unterschieden - handeln; - sondern die Sprache stellt etwas mit ihnen an: spielt ihnen mit, legt ihnen Fußangeln, gräbt ihnen Fallgruben, läßt sie über mehrdeutige verbale Objekte stolpern: "Ganz leise dämmert es ihnen, wohin einen die Dummheit der Sprache führen kann" (Loin de rueil) - eben zur Dummheit, zur Desavourierung der Dummheit durch die Sprache, zu nichts. Aber diese Sprache (also das, was Raymond Queneau in Gang setzt und handhabt) spielt nicht nur ihren Figuren mit; sie spielt auch mit dem Leser und führt ihn an der Nase herum.

Auch der Leser fällt herein: in holder Eintracht mit der Irin Sally Mara, die in schwärmerischer Verehrung für ihren Französischlehrer ein sentimentales Journal intime schreibt, sich von einem Gentleman etwas bieten läßt, "woran sie sich immer halten kann", und schließlich feststellen muß:
"Darauf rief mir Barnabé zu:
- Schön bei der Stange bleiben, Sally!
Ich habe in der Dunkelheit die Hand ausgestreckt, aber ich fand nur ein feuchtes, kaltes Seil. Ich begriff, daß mein Eheleben begonnen hatte."
Jedoch im Gegensatz zu dem Objekt Sally des Autors merkt der hereingefallene Leser, daß er hereingelegt wird. Und weil er das merkt, ist er zugleich in der Lage, das sprachliche Spiel, das hier mit Sally Mara und ihm getrieben wird, und seine Regeln zu durchschauen und zu übersehen. Er wird gleichsam zum beteiligten Betrachter des Ganzen.

Wie gesagt: es gibt in diesen beiden Büchern Raymond Queneaus nichts, das in einem eigentlichen Sinne der Rede wert wäre. Ein Rennpferd namens Läusehaut ist höchstens der Anlaß zu einem der wiederholten Gespäche über Läuse (Loin de rueil). Jedoch wenn es nichts gibt, das in einem eigentlichen Sinne der Rede wert wäre, ist es bei Raymond Queneau die Rede selbst, die sich der Rede wert wird. Und das umso mehr, je unwesentlicher die äußeren (realen) Rede-Anlässe sind: das Pferd Läusehaut, die Pfeife etcetera. An
Stelle von Weltanschauung geht es um Sprachwelt, um eine Welt, die mit Sprache aufgebaut wird und nur mit ihr existiert. Darum  ist Loin de rueil keine Pariser Vorortgeschichte, voll naturalistischen Miefs und kleinbürgerlicher Beschränktheit; kein Cloche Merle. Und des Cigales und/oder Jacques sind keine
Anton Reisers, Wilhelm Meisters, geschweige denn Matzeraths. Und das "Journal intime" der Sally Mara ist keine lehrreiche, moralische und moralisierende "Eduction sentimentale"; und sie selbst auch keine Fanny Hill. Und die Romane sind keine Romane. Und die Figuren sind keine Helden oder Antihelden, Typen oder Antitypen; sondern erfundene Objekte des Autors, Sprechfiguren sozusagen, um die Bruch- und Nahtstellen zwischen Schrift- und Umgangssprache, um die Übergänge und ihren ästhetischen Reiz sichtbar zu machen. Was drumherum vorgeht, ist Sprachhandlung; und was mit ihnen vorfällt, sind sprachliche Vorfälle, Einfälle und Reinfälle - zur Erheiterung des Lesers, wenn er bereit ist, das Spiel mitzuspielen.

Und man könnte auch sagen, daß Raymond Queneaus Bücher so etwas wie Lustspiele sind. Dann würde man sie verstehen in einem größeren Zusammenhang, der mit Beaumont Fletcher und Shakespeare etwa auf der einen und mit der Commedia dell'arte auf der anderen Seite beginnend, über die romantischen Lustspiele der Brentano / Tieck, bis in die Gegenwart hineinreicht.m Denn die Kriterien dieser Lustspiele: die Dominanz der Sprache, das weitgehende Fehlen der Handlung, die weitgehende Elimination des Stofflichen, die Potenzierung des Spiels im Wort- und Sprachspiel, im Wort- und Sprachwitz, das Spiel im Spiel, die Überlagerung von Spiel- und Sprachebenen, das aus der Rolle Fallen und schließlich das von Beaumont/Fletcher und Tieck mit festem Rollenpart engagierte Publikum - das alles gilt cum grano salis auch für Raymond Queneaus Bücher: für das schon vor 20 Jahren erschienene "Loin de rueil" (das wie viele
wesentliche Literatur des Auslandes lange warten musste, bis es - falls überhaupt - in Deutschland erscheinen konnte) wie für das 1962 erschienene "Journal intime". Und genau innerhalb dieses Zusammenhangs läßt sich unseres Erachtens auch zeigen, daß das letztere doch mehr ist, als ein nur mit der linken Hand, zuweilen unter Mithilfe der rechten geschriebenen Nebenprodukt zu "Zazie dans le metro". Stattdessen möchten wir annehmen, daß es sich bei Zazie und Sally um Schwestern handelt. Und während die eine es mit "mon cul" macht, macht es die andere mit "schön bei der Stange bleiben". Ein Spaß wird es allemal: eben ein Spiel mit der Sprache: ein Lustspiel: auf deutsch meisterhaft arrangiert und inszeniert von frangin Eugen HeImlé. Mon cul: Raymond Queneau ist Pataphysiker: Hübsch bei der Stange bleiben.

Raymond Queneau, Taschenkosmogonie

Raymond Queneau ist Pataphysiker. Ein Pataphysiker beschäftigt sich nicht mit den Regeln, sondern mit den Ausnahmen (die nur sprichwörtlich die Regeln bestätigen). Raymond Queneau beschäftigte sich 1950 mit der Entstehung der Welt, rekreierte sie in sechs alexandrinischen Gesängen bis zu den Rechensauriern, streng darwinistisch und nur mal so zum Spaß; und geriet angesichts dieser Entwicklung schließlich ins hochredundante Stottern einer künstlichen Poesie. Die in Frankreich berühmte, in Deutschland bisher nur Queneau-Liebhabern und augenblick-Lesern bekannte "Petite cosmogonie portative" ist jetzt endlich auch in der ausgezeichneten Übertragung durch Ludwig Hang in deutscher Sprache zugänglich, versehen mit einem instruktiven Vorwort von Max Bense und vom Limes Verlag für die diesjährige Herbstmesse als petits fours für gourmets bereitgestellt.

In seiner "Taschenkosmogonie" geht es Raymond Queneau nicht um die Sache sondern um die Methode. Kosmogonie ist laut Fremdwörter-Duden die "(mythische Lehre von der) Entstehung der Welt". Aber gegensätzlich zur landläufig unterhaltenden Lehmklumpen-Genesis gilt Raymond Queneau Genesis als methodisches Experiment. Der Mythos vom hochgezüchteten Affen der Darwinschen Ära ist nur ein Vorwand, und die Entstehung der Welt eine Lappalie, an der alles und nichts gezeigt werden kann. Zur Entwicklungsgeschichte des Menschen fällt Raymond Queneau eo ipso nur ein zeitraffender Zweizeiler ein:

"Der Affe ward zum Menschen ohne Kraftentfalten
der hat ein wenig später das Atom gespalten."

Natürlich ist diese Welt nicht in sechs Tagen gemacht und natürlich ist sie auch nicht sehr gut anzusehen. Der liebe Gott ist in diesen Alexandrinern überhaupt nicht und nirgends. Alles kommt "irgendwoher". Dabei geht es Raymond Queneau nicht etwa um poetische Sujets. An Stelle "der Bank oder des Monds im Frühling", statt "Albatros", statt "Rosen" und "Blütenflügen" geht es mindestens auch um "Eisenblech" und "Uran":

"Die freie Auswahl reicht vom Zeh zum großen Bären
vom Fußpunkt bis zum Ohr, vom Radar bis zum Zinken
aus manchem Wortspiel taucht ein Schuß Bedeutung auf
und die geschriebne Schrift wird manchmal automatisch".

Die aufgewendeten sprachlichen Materialien sind Jargon und Sach- und Fachbezeichnung (aus Biologie, Technik usw.) und Slogan und literarische Anspielung. Und diese Materialien werden aufgewendet für eine sprachliche Schöpfung anstelle reproduzierter angeblicher Schöpfungswirklichkeit. Es geht also nicht um Reproduktion von Entwicklung und Wirklichkeit, sondern um den sprachlichen Entwurf. Man könnte auch von einer "ästhetischen Kosmogonie" reden, wie Max Bense in seinem Vorwort herausstellt. Und man wird sich dabei vielleicht des bekannten Satzes von Francis Ponge erinnern, der besagt: "Damit ein Text auf keine Weise vorgeben kann, Rechenschaft von einer Realität der konkreten (oder spirituellen) Welt zu sein, muß er zunächst die Realität seiner eigenen Welt erreichen, diejenige der Texte." Und man wird die "Taschenkosmogonie" Raymond Queneaus als einen Beleg dieser These ansehen können, wobei überdies jegliche behauptete Genesis auf den Arm genommen und zwischen den Zeilen gewogen und für zu leicht befunden wird.

Auf der jährlichen Buchmesse gibt es in der Regel Unterhaltung und gelegentlich Ausnahmen. Raymond Queneaus "Taschenkosmogonie", übersetzt von Ludwig Harig und eingeleitet von Max Bense, ist fraglos zu den Ausnahmen und zur Dichtung zu zählen. Auch insofern, als diese sechs Gesänge in Alexandrinern zeigen, wie man sich auch mit Literatur unheimlich lustig machen und unterhalten kann. Ausnahmsweise. Aber Raymond Queneau ist Pataphysiker. Und ein Pataphysiker beschäftigt sich nicht mit den Regeln sondern siehe oben.